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Abschrift des Schreiben von Herbert Wintersohl im Sept. 2002
Förderverein Armenhaus Lindenberg Sehr geehrter Herr Schmid-Kemmeter, bezugnehmend auf unsere Gespräche beim Besuch der Heimatstube Gutenberg einige Gedanken zum "Projekt Armenhaus Lindenberg" Dazu muss ich allerdings etwas weiter ausholen. Bis 1997 war ich in Nordrhein-Westfalen auf dem Gebiet der Heimat- und Familienforschung tätig. Seit 1983 konnte ich eine Sammlung bäuerlicher Haus- und Arbeitsgeräte aufbauen und kaufte gezielt für die überregionalen Museen und Sammlungen Gegenstände auf. 1992 wurde in meinem Heimatort ein Heimatverein gegründet, un ein altes Haus zu kaufen und zu erhalten. Das Projekt stand anfangs stark in der Kritik, da der Verein nur über wenige Mitglieder verfügte und das Eigentum an dem Objekt erwerben wollte. auf der Suche nach Möglichkeiten der Finanzierung konnte die Nordrein-Westfalen-Stiftung gewonnen werde, die sich mit dem Nutzungsplan des Vereins einverstanden erklärte. Der sah folgendermaßen aus: Im alten Stall sollte ein Raum für Ausstellungen entstehen mit separatem Zugang durch die alte Stalltür. Der Keller - als Gewölbekeller aus Bruchsteinen errichtet - sollte für Vereinsversammlungen zur Verfügung stehen. Der Schankraum im Erdgeschoß sollte weiter in dieser Funktion verbleiben und für Feste und Feierlichkeiten vermietet werden. Die oberen Räume sollte die Kath. Pfarrbücherei nutzen und die anderen der Heimatverein und die Stadt, die dort ein Bildarchiv anlegen sollte. Die alles ist mit Lindenberg nur bedingt vergleichbar aber dennoch interessant, weil dort von Anfang an wenigstens die Aussicht bestand, das sich das Objekt selbst tragen könnte. Dies war dann auch die Vorraussetzung für weitere öffentliche und private Geldgeber, die es zur Bedingung machten, "kein Groschengrab" zu finanzieren, sondern ein Objekt an dem man auch in vielen Jahren noch Freude haben kann. Es folgte viel Öffentlichkeitsarbeit und einige "Bettelbriefe" an Vereine, Organisationen und Privatleute, zu denen ich zu gegebener Zeit noch etwas sagen kann. Aber es gab natürlich auch neue Probleme, als man erkannte, dass sich das Projekt "Heimathaus" entwickelte. Besonders die Wirte blockierten und mokierten nach Kräften, da sie nicht nur eine weitere Schankgerechtigkeit im Ort hatten, sondern auch einen Konkurrent bei der Vermietung von Räumlichkeiten für Feiern aller Art. Zu den Gegnern gehörte auch die Stadt, die mit ihrem renovierten "Alten Kloster2 die gleichen Ziele verfolgte. In der Zwischenzeit ist das "Heimathaus" von er Bevölkerung akzeptiert, das Projekt findet lobende Anerkennung und eine Hausmeisterfamilie konnte angestellt werden. 1996 hatte ich im "alten Stall" meine erste Ausstellung, in der es um die Renovierung eines alten Fachwerkhauses ging. Dabei wurde der Fortgang der Renovierung an alten Bildern aufgezeigt, die Arbeitsgeräte aus 200 Jahren, die erforderlich waren, ein Fachwerkhaus zu errichten, und die Familiengeschichte von 1565 bis heute (mit vielen alten Bildern) dargestellt. Aufgrund meiner dauerhaften Übersiedelung nach Bayern, wurden weiter Ausstellungen, für die das Konzept und die Ausstellungsorte schon organisiert waren, nicht mehr verwirklicht. In der Zwischenzeit bin ich dabei meine "Heimatkundliche Sammlung" die über 2000 Objekte beinhaltet, auf verschiedene Museen zu verteilen. Doch nun wieder zurück zu Lindenberg und was daraus für dieses Projekt von Bedeutung sein könnte: ein Finanzierungskonzept über die Zeit der Renovierung hinaus. Der Erhalt des "Anbaus" wäre wichtig, um eine weiter Nutzung erhalten zu können. (Ausstellungen) Eine Nutzung durch Dritte dürfte meines Erachtens durchaus gegen Kostenerstattung erfolgen. Dabei wäre natürliche eine dauerhafte Nutzung (Miete, Pacht) anzustreben. Mögliche Probleme mit anderen "Raumanbietern" und Vereinen sollten in Kauf genommen werden. Mit dem erfolgreichen Fortgang eines solche Projekts entstehen auch laufend neue Freunde und Förderer aber auch Gegner und vermeintliche Helfer entpuppen sich als "Quertreiber". Die Öffentlichkeit sollte man bei diesem Projekt nicht scheuen und sie jederzeit bei den Arbeiten suchen. Das ganze von einer positiven presse verfolgen lassen, was mit den Redakteur/-innen - die ich bisher hier kennen gelernt habe - wohl möglich sein dürfte. Bettelbriefe entwerfen und schreiben. Unternehmen, die uns nützlich sein könnten auch direkt anschreiben. Es wäre für mich auch denkbar, das die Firmen, die dieses Projekt unterstützt haben (durch materielle und finanzielle Hilfe) dauerhaft Erwähnung finden. eine erste Ausstellung könnte der Geschichte des Umbaus, der Geschichte des Hauses und - ein Stück weit - Ortsgeschichte zum Thema haben. Eine weiter Ausstellung könnte ich in den nächsten Jahren zusammenstellen. Am Rande erfuhr ich in Gutenberg, das der Pfarrer Seeberger dem Projekt aufgeschlossen gegenüber steht. Das ist von Bedeutung, weil sich die Unterlagen zur Armenpflege wahrscheinlich noch im Pfarrarchiv befinden und ich mir den Beginn meiner Arbeit dort gut vorstellen könnte. Dabei wäre allerdings erst zu klären, in welchem Umfang sich der Historische Verein von Buchloe in dieser Sache engagieren will, um ihn nicht vor den Kopf zu stoßen. Wenn Ihnen der Pfarrer persönlich bekannt ist, würde ich mich freuen, wenn sie ihn und mich zusammenbringen könnten, damit man evtl. in der nächsten Zeit einmal Einsicht ins Pfarrarchiv nimmt, um festzustellen, was am Ort und was in Augsburg oder München zu erledigen ist. Zum Schluss noch einige Stichworte zur besonderen, historischen Bedeutung des Armenhauses im geschichtlichen Konsens in Bayern. sie lassen sich - zumindest teilweise - sicher auch aus der Lindenberger Geschichte belegen und mit Leben füllen. 1723: "Die Gemeinde dar Arme nicht länger beherbergen als eine Nacht" das Bettelmandat z.B. v. 1715 in dem es heißt, "die wirklich Armen" sollen unterstützt werden, die "Landstreicher, Vaganten, Hausierer, Soldaten und ander herrenlos Gesindel" aber mit "Brandeisen und Landesverweisungen" bedroht werden. Aus dieser Verpflichtung für die Armen, nämlich das "die wahrhaft Armen... nothtürftig allerseits verpflegt werden", wurden die sogenannten "Kirchweihbrote" eingerichtet, die an die Armen verteilt wurden. nach der wirtschaftliche Leistungsfähigkeit wurde den Höfen eine Anzahl von 1 bis 10 dieser Brote auferlegt. Diese in der Summe oft über 100 Brote wurden dan an die Armen verteilt. Teilweise wurden diese Verpflichtung erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts abgeschafft als man Armenhäuser errichtete. Die "Versorgungseinrichtung Hof", die in den Übergabeverträgen für die nächste Generation auch die Versorgung der Alten, der Hilfsbedürftigen (mit unheilbaren Gebrechen versehene Familienangehörige) und der freien Heilsfürsorge für 4 Wochen bei Erkrankun der Geschwister. Das war die frühese Armenversorgung. Aber wenn der Hof nichts geben konnte, mußten die Alten oder Geschwister doch betteln. Einzugsgeld oder Bürgeraufnahmegebühren: Die Verpflichtung der Gemeinde zur Versorgung der Armen bestand nur gegenüber den Gemeindebürgern. dies führte dazu, daß man sich das Bürgerrecht mit all seinen Rechten und pflichten erkaufen musste. Allein die Geburt reichte in der Mitte des 19. Jahrhunderts dafür nicht mehr aus. Heimatrecht: nach dem Gesetzt von 1868, über "Heimat, Verehelichung und Aufenthalt" war die Aufnahme des Neubürgers an Auflagen gebunden, mit denen die Gemeinde sich gegen eine mögliche Verarmung des neuen Gemeindemitglieds schützen wollte. Das waren unter anderem. eine Wohnung, ein erlernter Beruf oder entsprechend ausreichender Besitz, ein gesichertes Einkommen die Ableistung der Militärpflicht (die Gemeine war zur Ausstattung des Soldaten mit teilen der Ausrüstung und eines "Handgeldes" für die Zeit der Einberufung verpflichtet.) Nachweis des Schulbesuchs und nach Möglichkeit verheiratet oder die Zusage, eine Witwe in der Gemeinde zu heiraten. Zur Armenfürsorge gehörten aber auch die Spendenbüchse beim Wirt, das Sammeln bei Hochzeiten, die verhängten Strafgelder der Gemeinde, die der Armenpflege zukamen, die Zuwendungen der Gemeindemitglieder durch Spenden und Schenkungen, ein Teil des Geldes aus der Tanzmusikbewilligungen der Wirte, ein Teil des Geldes aus der Verpachtung der Jagd, um nur einige Beispiele zu nennen, wie weit die Armenfürsorge in das tägliche Leben der Gemeinde reichte. Das Armenhaus von Lindenberg Das Armenhaus von Lindenberg ist nicht "das arme Haus", wie es missverständlich gedeutet wurde. Davon unbenommen war es natürlich, was die Größe und die Bausubstanz angeht, sicher kein stattliches Haus. Eine Errichtung des Hauses um 1780 als "Armenhaus", wie es in Gutenberg zur Sprache kam, halte ich für sehr unwahrscheinlich. erst durch die Entstehung der politischen Gemeinde lässt eine solche Verwendung des Hauses erst zu, was - um ein Jahr zu nennen - frühestens 1808, wohl eher aber nach 1818 mit der neuen Gemeindefassung geschah. Gab es früher auch arme Familien und sparte man nicht mit Spott bei Haus - und Familiennamen, so ist mir bisher kein Fall gekannt, der zu einem Hausnamen "Armenhaus" geführt hätte. Das ändert natürlich nichts daran, dass es einen Vorgängerbau gegeben haben kann, der sich durchaus bis 1780 nachweisen lassen könnte. Dies werden aber einschlägige Nachforschungen in den entsprechenden Archiven sicher zu Tage fördern. Ich denke, die Geschichte dieses Hauses berührt die Geschichte Lindenbergs weit mehr, als die meisten glauben. Gezeichnet Herbert Wintersohl
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